Nicht alles lässt sich digitalisieren – aber vieles… Die Übersetzungsbranche hat bereits einige digitale Veränderungen durchgemacht. Im Kern funktionieren Übersetzungsdienstleister aber noch wie vor Jahren. Die Frage ist, wie lange noch?

Digitalisierter Dictionnaire

Translation-Industry-Illustration-Business-Model-DisruptionDas Verhalten von Privatpersonen im Umgang mit Übersetzung hat sich dank dem Internet längst verändert. Der „Dictionnaire“ wird nicht mehr alle Jahre neu gekauft, damit der neuste Wortschatz auch greifbar ist. Auf online Wörterbüchern werden Einzelbegriffe oder Satzfragmente von einer Sprache in die nächste übersetzt. Google Translate wird für eine – meist noch rudimentäre – Übersetzung von ganzen Sätzen und Textabschnitten herangezogen. Auf dieser Grundlage wird der Rest interpretiert und zusammengeklebt. Sprich, der Prozess ist ähnlich zu früher. Die Hilfsmittel haben sich radikal verändert.

Für Unternehmen, die Übersetzungsleistungen anbieten, hat sich der Arbeitsablauf auch ein wenig gewandelt. Die Auftragsentgegennahme findet in der Regel über einen Online Ablauf statt. Der Übersetzungsworkflow ist Software unterstützt, und die Auslieferung des Endergebnisses erfolgt wieder online Richtung Kunde. Die eigentliche Übersetzungsleistung ist weitgehend unverändert im Vergleich zu vor 10 Jahren. Professionelle Übersetzung ist Handarbeit – von mehrsprachigen Linguistik Experten versteht sich.

Linguistische Intelligenz in der Maschine

1954 hat IBM einen Automaten vorgestellt, der einige Sätze von Russisch auf Englisch übersetzen konnte. In nur wenigen Jahren sollen, gemäss dem damaligen Projektleiter, brauchbare Übersetzungsleistungen erwartet werden können.

Es hat dann ein wenig länger gedauert… Heute liefern sich Google und Microsoft ein Wettrennen um brauchbare Echtzeit Übersetzung. Beide möchten sich natürlich in den (mobilen) Anwendungen der User als Standard Übersetzungsdienst etablieren. Seit den 90er Jahren wird dabei nicht mehr versucht mit dem Rechner Wortschatz und Grammatik zu büffeln, sondern alleine statistisch nach der passendsten Übersetzung gesucht. Die Tatsache, dass immer umfangreicher mehrsprachiger Content im Internet zu finden ist, hilft dabei.

Während Übersetzungstechnologie im (privaten) Alltag immer potenter wird, vermag diese noch lange nicht den Markt für qualitative Übersetzungsleistungen im Unternehmenskontext umzukrempeln. Hier, vermute ich, ist ein anderer Ansatz viel näher dran.

Prozessintelligenz in der Maschine, Linguistik in den Köpfen

Kunendo-CrowdLang-Process-Translation-Crowdbased

Kunendo Crowd Übersetzungsprozess

Einen ganz anderen Weg geht das Start-up Kunendo (Full disclosure: ich habe mich zusammen mit einem der Gründer 2011/12 mit möglichen Geschäftsmodellen für das Startup Projekt auseinandergesetzt). Das Zürcher Unternehmen ist angetreten, um Aufgabenstellungen, wie die Übersetzung von Texten, über den Einbezug von vielen Menschen zu lösen. Über einen ausgeklügelten Prozess werden Texte zerteilt, übersetzt, zusammengefügt, überprüft und korrigiert. Die Rechnerpower kommt dabei nicht nur von Prozessoren, sondern vor allem durch den Einbezug von vielen Menschen, die sich jeweils einem kleinen Teil der Aufgabe annehmen. Das sogenannte Crowdsourcing erlaubt es die Teilaufgaben zu parallelisieren und bereits im Grundprozess Qualitätskontrollen einzubauen. Auf diese Weise lassen sich viele Textsorten in anständiger Qualität übersetzen. Und dann wird es mit grosser Sicherheit auch Themen und Textsorten geben, bei welchen crowdbasierte Prozesse und Algorithmen noch lange das Nachsehen haben werden.

Eine Veranschaulichung des Prozesses gibt’s in folgendem Kunendo Clip:

Das dahinter liegende Geschäftsmodell wird durch die geringen Transaktionskosten des Internets erst möglich. Die Wertschöpfungskette wird dabei völlig auf den Kopf gestellt. Und die Lohnsumme der Crowd darf pro übersetztem Wort natürlich nicht höher werden, als wenn sich ein Linguist dem ganzen Text annimmt.

Während Kunendo sich auf Unternehmenskunden fokussiert, baut das Südkoreanische Startup flitto auf einer vergleichbaren Idee ein B2C Geschäftsmodell auf, das auf Peer-to-Peer Übersetzung basiert.

Daneben gibt es zahlreiche andere Start-ups, die in unterschiedlichen Segmenten und mit ganz unterschiedlichen Geschäftsmodellen nach Nutzern und Kunden, die „Lost in Translation“ sind, werben – z.B. Duolingo und iTranslate, um nur zwei der im Markt populärsten zu nennen.

Veränderung garantiert

Das Tempo der Veränderung und das dominierende Modell der Zukunft ist mir heute noch unklar. Eines steht aus meiner Perspektive jedoch fest: Übersetzung wird im Alltag immer integrierter werden. Aber auch der Branche der professionellen Übersetzungsdienstleister steht eine massive Veränderung bevor, welche ihre Leistungserbringung und die dominanten Geschäftsmodelle der Branche verändern wird.

Leave a Reply